Mittwoch, 25. September 2013

Wir sind alle so satt.

"Armut ist wenn es dir bang ums Herz wird, wenn dein Kind den letzten Zwieback aufisst und sagt - Mama, bitte, ich habe noch Hunger, ich will noch ein Brot mit Marmelade - während du schon dabei bist zu überlegen ob du jetzt den Fernseher oder deine Gitarre zur Pfandleihe bringst und du ihm einfach nicht erklären magst, warum es weder Brot noch Marmelade gibt!"

Dieser Satz kommt aus dem Blog: A girl called Jack und da wird Klartext gesprochen über Armut, über Hunger, über das Leben unter der Armutsgrenze bei uns in West-Europa.

Jack's Blog schlägt inmitten der heilen "Backe-Backe-Kuchen-Bloggerwelt" 


einen ganz anderen Ton an. Als ich auf ihren Blog aufmerksam wurde, war ich gleich fasziniert und wollte mehr wissen über diese tapfere junge Frau.
Jack lebt in Groß-Britannien und musste vor einiger Zeit ihren Job bei der Feuerwehr kündigen, weil sie die Arbeitszeiten- und Bedingungen als alleinerziehende Mutter nicht mehr erfüllen konnte.

Sie fing an ein Tagebuch über ihr tägliches Leben unter der Armutsgrenze mit ihrem zweijährigen Sohn zu schreiben. Beliebt wurde sie durch ihre Rezepte, mit denen sie zeigt, wie sich komplette Mahlzeiten für weniger als 1€ zaubern lassen. Und richtig berühmt wurde Jack mit ihrem Post: Hunger Hurts! Darin schreibt sie in wütender Verzweiflung wie unwürdig und erniedrigend es ist, am Existenzminimum leben zu müssen.

Nach diesem Artikel wollte jeder Talkshow-Moderator und manch Abgeordneter im Britischen Parlament Jack Monroe kennen lernen und vorführen. Sie sprach im Fernsehen und im Parlament, gab Interviews in Zeitungen und bekam ein Angebot für ein eigenes "Schmalhans" Kochbuch. Sie ist mittlerweile mit ihrem Blog ein Sprachrohr für Menschen in England, die unter der Armutsgrenze leben.
Ich muss gestehen, als ich ihre ersten Rezepte gelesen hatte und mir klar wurde, dass sie sich und ihren Sohn von etwa 11 € in der Woche durchfüttern musste, da wurde mir ganz anders...

Da dachte ich zurück an die Zeit, die ich selber erlebt hatte, nachdem ich mit meiner Firma in die Pleite gerutscht bin und mir nichts anders übrig blieb, als Hartz 4 zu beantragen. Wir hatten als Familie - nachdem alle festen Kosten abgezogen waren - immerhin noch ungefähr 100€ pro Woche übrig für alle Ausgaben, also 14€ am Tag. Das war nicht einfach, aber ich bin mit allem gerade so ausgekommen. Schwierig wurde es bei den "Extras". Neue Schuhe? Trag doch deine Sandalen noch etwas länger. Eine warme Jacke? Tauschbörsen und Second Hand tun es auch. Schulhefte? Ich lernte, dass sich in 1€ Läden fast alles kaufen lässt. Urlaub? Einfach streichen. Weihnachtsgeschenke? Eins pro Kind reicht auch. Ich selber verzichtete.

Wenn ich jetzt so zurückschaue auf diese letzten 4 Jahre, dann gibt es sehr viel worüber ich staune und noch mehr wofür ich sehr, sehr dankbar bin.
Allem voran bin ich dankbar, dass wir in Deutschland (noch) ein soziales Netz haben, das Gescheiterte wie mich mitsamt Familie einfach bedingungslos auffängt und unterstützt. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Wie oft habe ich meinen Kindern gesagt: wenn wir jetzt mit einer solchen Insolvenz in den USA leben würden, dann würden wir wahrscheinlich in einem Zelt wohnen, versuchen uns mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten und eine Krankenversicherung gäbe es auch nicht.
Einfach zu einem Amt gehen zu können und zu sagen:" Ich hab's nicht geschafft und wir haben alles verloren!" ist bei uns keine Schande. Ich habe beim Arbeitsamt nur verständnisvolle und nette Mitarbeiter kennen gelernt, die immer bereit waren, alles Mögliche zu tun und wirklich zu helfen.

Wir mussten unser wunderschönes, riesengroßes Haus aufgeben! Dafür bekamen wir eine schnuckelige, extrem-renovierungsbedürftige Wohnung, mit einem wilden Garten für sehr wenig Geld und die Kinder lernten ihre Zimmer selber zu streichen.
Ich musste den tollen geleasten Cabrio-Flitzer zurückgeben! Aber ein alter Volvo, ganz billig gekauft, hat uns als "Lastwagen" bei mehrere Umzüge und vielen Langstrecken treu geholfen, ohne teure Reparaturen zu brauchen.
Ich konnte meiner Tochter keinen Reitunterricht mehr schenken! Doch sie hat angefangen, Ställe auszumisten und Pferde zu striegeln, um noch reiten zu können.
Tennis für meinem Sohn musste wegfallen! Immerhin lernte er, es von seiner Zeitungsrunde selber zu zahlen.

Mein Sohn hat jetzt sein Abi in der Tasche und ist stolz darauf, dass er für seine Ausbildung und Studium selber aufkommt. Er und ich wissen, dass er es kann!
Meine Tochter wird 17 und ist eine selbstbewusste junge Frau, die es genossen hat in diesen Ferien Zuhause zu sein, in der Isar zu schwimmen und die Sommerkleidung, die sie sich wünschte, selber zu nähen.
Ich bin stolz und glücklich, dass meine Kinder mir immer sagen: "Mama, wir schaffen das! DU schaffst das. Und du bist die beste Mama die es gibt".
Das ist die einzig wirkliche Wertschätzung worauf es mir ankommt.



Ich weiß nach diesen letzten, teilweise sehr harten Jahren, dass ein Mensch sehr viel aushält, immer noch mehr als du denkst, und dann immer noch mehr! Außerdem weiß ich, dass wir in diesem Land auf sehr hohem Niveau jammern. Es geht uns gut. Wir sind alle satt, wie sind alle reich. Ja, wirklich das meine ich: reich!
Ich fühle mich reich. Reich beschenkt durch den Staat, der es mir möglich gemacht hat einen Neuanfang zu wagen und mich darin unterstützt hat. Reich beschenkt durch die Hilfe von treuen Freunden, die nie aufgehört haben, an mich zu glauben. Reich beschenkt durch meine Kindern, die zu mir halten und mich lieben, egal was war und egal was ist. DAS ist Reichtum.

Und was ist mit Jack passiert? Sie schreibt jetzt mehrere Kolumnen, sogar eine im "Guardian". Außerdem ist sie nicht mehr alleine mit ihrem Sohn, sie hat ihre große Liebe gefunden. Jack hat sich also aus ihrem Unglück und ihrer Hilflosigkeit einen Weg nach außen geschrieben. Sie hat gekämpft und gewonnen.

Well done, Jack!


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